Jordanien hat Angst
Anscheinend sind die schlauer als wir.
DIE WELT: Jordanien gilt als Sicherheitsanker des Westens. Nun bangt es um seine Existenz
US-Präsident Trump hat vorgeschlagen, die Palästinenser aus Gaza umzusiedeln – etwa nach Jordanien. Land und König wehren sich vehement gegen den Vorschlag, den sie als existenzielle Gefahr empfinden.
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Seit Israels Staatsgründung und dem Krieg von 1948 treibt das Nachbarland Jordanien die Frage um, wie man mit den vielen hierher geflohenen Palästinensern umgehen soll. Nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hat, den Gaza-Streifen zu kaufen, wiederaufzubauen und die Bewohner in andere arabische Staaten umzusiedeln – unter anderem nach Jordanien –, ist das Thema besonders akut.
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Die Stimmung im Land ist aufgeheizt. Bei den Parlamentswahlen im Herbst vergangenen Jahres konnten die israelfeindlichen Muslimbrüder stark zulegen. Ein Mann – israelischen Medienberichten zufolge jordanischer Staatsbürger – erschoss an einem Grenzübergang drei Israelis. Während er in Amman gefeiert wurde, leiteten jordanische Sicherheitsbehörden eine Untersuchung ein.
Es ist ein Drahtseilakt, den Jordaniens Regierung versucht – und den Trump mit seinen Gaza-Plänen zum Absturz bringen könnte.
Oraib Rantawi ist Direktor des Thinktanks Al Quds Center for Political Studies. Er hat bereits zwei Stunden mit WELT gesprochen, da richtet er sich noch einmal auf und sagt mit lauter Stimme: „Wenn man solche Freunde hat“, und meint Trumps USA, „dann braucht man keine Feinde. Er spielt mit unserer Sicherheit, Identität und Stabilität“. Der Gaza-Plan des US-Präsidenten „bedrohe die schiere Existenz“ Jordaniens.
Ganz abgesehen von der Frage, wo man Hunderttausende wütende Palästinenser aus Gaza unterbringen und sie davon abhalten solle, von dort Angriffe gegen Israel zu starten: „Kann man Jordanien noch als Jordanien bezeichnen, wenn die große Mehrheit der Bevölkerung Palästinenser sind?“, fragt Rantawi.
Die Jordanier, deren Vorfahren schon vor 1946 in dem Land gelebt haben, könnten sich auflehnen, wenn sie zur Minderheit im eigenen Land zu werden drohen. Viele fühlen sich ohnehin schon wirtschaftlich benachteiligt, weil sie in ländlicheren Gebieten leben und die Palästinenser in der Privatwirtschaft Karriere gemacht haben, da sie vom Staatsdienst größtenteils ausgeschlossen sind.
Und auch die Palästinenser im Land könnten aufbegehren, genug haben von einem König, der das eine sagt und das andere tut. Seitdem die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Jassir Arafat 1970 versuchte, die Macht in Jordanien zu ergreifen, misstrauen Teile der jordanischen Sicherheitsdienste den Palästinensern im Land.
Warum also weiß Jordanien, dass die Palästinenser für sie eine existentielle Gefahr sind und wehrt sich gegen deren Migration nach Jordanien, während Deutschland über Palästinenser jubelt und sie am liebsten alle nach Deutschland holt?
Warum gibt es hier nicht die Einsicht, dass sich Palästinenser in Deutschland genauso aufführen wie in Jordanien?
Oder anders gefragt: Warum sollten sich Palästinenser in Deutschland eigentlich anders aufführen als in Jordanien?